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37 mit Rente

37 mit Rente :)Pauls Guantanamo BayWarum nur hatte er sich diesen Job ausgesucht? Paul, 37 Jahre, zog den Kopf ein, wie eine Schildkröte, wenn über ihr ein größeres, angsteinflößendes Wesen erschien. Montagmorgen. Horror pur. Und wie immer keine Gelegenheit dem Zeitdruck im Büro zu entrinnen.Er könnte sich krankschreiben lassen. Aber er hatte keine Ahnung, welche Symptome er vorschieben sollte. Würde der Doktor seelische Erschöpfung gelten lassen? Oder sollte er auf dem Weg ins Bad schnell einmal ausrutschen und sich den Knöchel verstauchen? Psychische Krankheiten nachzuweisen war vermutlich nicht so leicht. Eine Verstauchung hingegen? Tja, dazu konnte Paul sich doch nicht durchringen. Nicht einmal um dem ständigen Mobbing durch seine herzallerliebsten Kollegen zu entkommen.Sicher würde der Doktor sich freuen, ihn zu sehen. Er würde ihm ebenso freudig ein Rezept ausstellen. Schließlich war auch Paul nichts anderes, als eine zahlungskräftige Unterschrift mehr auf der Patientenliste seines Arztes. Vielleicht würde er ihm die zweite Unterschrift auf dem Krankenschein auch noch gönnen? Doch wie groß würde der Horror sein, wenn der Doktor das Gespräch suchte und dann Pauls psychischen Macken auf den Grund ging. Stand das überhaupt zu befürchten? Zeit für Gespräche hatte der Mediziner bisher nie gehabt.Und was wollte Paul denn sagen? Wollte er sich hinstellen und laut aufschreien und gegen die Ungerechtigkeit der Welt protestieren? Seine Stimme erheben, gegen Krieg, Folter oder etwa die unhaltbaren Inhaftierungsmethoden in Guantanamo Bay? Damit landete er womöglich schneller in der Psychiatrie, als ihm lieb war. Dort würde man ihn dann ruhig stellen und ihn zwangsmedikamentieren. Schlimmer noch: Vermutlich würden sie ihn fesseln, weil von ihm eine unberechenbare Gefahr für die Öffentlichkeit ausging. Schließlich wusste doch jeder halbwegs vernünftige Mensch, dass man seine Rechte des Grundgesetzes an der Eingangstür der psychiatrischen Abteilungen abgeben musste, wie anderswo das Urintöpfchen zur Kontrolle der Körperfunktionen.Doch es half ja nichts die Decke über den Kopf zu ziehen. Er war jetzt schon spät dran. Er würde seinen Arbeitsplatz heute nicht mehr pünktlich erreichen und der Ärger mit dem Chef würde ihn den ganzen Tag lang verfolgen. „Na, der Herr Schmidt? Wieder mal nicht aus dem Bett gekommen? Wieder mal die Nacht durchgesumpft?“ Was wusste der schon, woher Pauls Augenringe wirklich stammten. Dagegen war Guantanamo Bay ein Spaziergang. Und auf seinem Schreibtisch türmten sich die Akten der Menschen, die ihr Geld den Banken in den Rachen geworfen hatten. Den armen Rentnern, die die letzten paar Kröten, die sie erübrigen konnten, für ein fadenscheiniges Riester-Modell geopfert hatten. Die – nach 17 Jahren Schichtarbeit und 1290,- Euro Rente – einmal versucht hatten, an der Börse zu spekulieren. Und die damit auf die Nase gefallen waren. Ok, die waren schon mit 37 verrentet und am liebsten hätte Paul Erkundigungen eingezogen, wie ihnen das gelungen war. Ihre Akten aber waren für Paul die reinste Folter. Fall um Fall mit unzähligen Bescheinigungen füllten die Aktendeckel und der Turm war so hoch, dass er bald umfallen würde, wenn nur einer gegen den Schreibtisch stieß. So, wie Kollege Müller letzte Woche, ganz zufällig und aus Versehen. Der sich dann amüsierte, wie Paul am Boden herumkroch und versuchte die flüchtigen Zettel dem richtigen Aktenzeichen zuzuordnen. Leider war der Turm noch nicht hoch genug, als dass sich Paul dahinter hätte verschanzen können. Sich unsichtbar machen für die Idioten, mit denen er am Arbeitsplatz kämpfte.So hatte Paul nicht enden wollen. Vor einigen Jahren war er einer von denen gewesen, die mit Transparenten über die Straßen der Hauptstadt zogen. Mit Transparenten, auf denen er seine Meinung kund tat. Er hatte nicht den Mund halten wollen und verabscheute die Ignoranz der Mächtigen. Er wollte ein Streiter sein für die Menschenrechte. Nun stritt er nicht einmal mehr mit seinem Vorgesetzten um seine eigenen Rechte. Schon vier Jahre lang saß er in dieser Zwickmühle. Er, der sein Studium mit Auszeichnung abgeschlossen hatte. BWL. Was hatte ihn da nur geritten? Er hätte besser Lehrer werden sollen. Da hatte man wenigstens Ferien genug um sich von den nervigen Gören zu erholen.Er stand noch immer im Schlafanzug in seinem Wohnzimmer. Die Fäuste hatte er empört in die Hüften gestemmt und hielt sich seine eigene Verteidigungsrede. Ok, er hatte den falschen Weg eingeschlagen, aber heute würde er an die wichtigste Kreuzung kommen. Er würde alles umkrempeln. Er brauchte keinen teuren Wagen. Paul brauchte ab jetzt keinerlei Statussymbol mehr. Er würde ehrenamtlich arbeiten. Er würde sich um all die armen Menschen kümmern oder um die Tiere, die keiner mehr haben wollte.Paul nahm den Telefonhörer und tippte aggressiv die Nummer seines Chefs in die Tasten. Da meldete sich das Sekretariat. „Schmidt“, herrschte er kurz angebunden in den Hörer. „Den Chef, bitte!“ Nach einer kurzen Pause hörte man ihn fast brüllen: „Ich kündige! Ihr Guantanamo können Sie ab heute allein befehligen!“ Dann ließ er die Hand sinken, sackte auf einem Sessel zusammen und begann bitterlich zu weinen. Stunden später zog ihn ein, von den besorgten Nachbarn informierter Sanitäter, vorsichtig am Band seines neuen, weißen Kleidungsstückes und führte ihn aus der Wohnung. „So, Herr Schmidt, wir werden ihnen schon helfen. Unsere Jacke steht ihnen wirklich gut. Jetzt nehmen wir sie erst einmal mit in unsere Einrichtung. Da sind sie sicher. Da kann ihnen nichts passieren!“









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